Der Monat Mai ist der Mental Health Awareness Month. Und die mentale Gesundheit ist auch unter Studierenden ein wichtiges Thema: Der Stress von Studium und nahenden Abgaben, oder auch Themen und Probleme im Privatleben belasten viele Student*innen. Die Nightline Bamberg steht in solchen Fällen zur Seite und bietet ein anonymes Zuhörtelefon. Denn wer könnte die Sorgen und den Stress des Unialltags besser verstehen als die eigenen Kommilitoninnen und Kommilitonen? Die Organisation bringt das internationale Konzept des studentischen Zuhörtelefons nach Bamberg. Nahbar, anonym und komplett bewertungsfrei schaffen die ehrenamtlichen Volunteers ein wichtiges Sicherheitsnetz in der Nacht – und beweisen, wie wertvoll bedingungslose Präsenz für die psychische Gesundheit sein kann.
Wie die anonyme Nightline Bamberg arbeitet und wie wichtig ihr ehrenamtliche Engagement für viele Studierende Bambergs ist, haben wir im Interview mit dem Team erfahren.
1. Nahbarkeit: Von Studis für Studis
Viele professionelle Beratungsstellen sind nachts geschlossen oder mit langen
Wartezeiten verbunden. Was macht das Konzept „Von Studierenden für
Studierende“ so einzigartig, und warum fällt es Betroffenen oft leichter, bei euch
anzurufen als bei einer offiziellen Krisenhotline?
Das Konzept von „Studierende für Studierende” macht uns nahbarer. Wir sind mit vielen Werbeaktionen präsent an der Universität und somit eher im Gedächtnis. Da wir alle Studis sind, sind wir häufig näher an der Lebensrealität der Anrufenden. So fühlen sich Anrufende vielleicht eher in ihren alltäglichen Sorgen verstanden.
Die Nightline ist ein internationales Konzept und so sind auch in Deutschland alle Nächte abgedeckt. Wir sind also zu der Zeit erreichbar, wenn vielleicht gerade niemand anderes zuhören kann. Und das niedrigschwelliger als eine offizielle Krisenhotline, denn du darfst auch ohne „große Krise” anrufen und dir wird zugehört.
2. Aktives Zuhören statt Beratung
Das Prinzip „Zuhören statt Beraten“: Viele Menschen denken, man müsse Psychologie studiert haben, um bei der Nightline Bamberg mitzuwirken. Wie erklärt ihr einem Interessierten das Konzept des „aktiven Zuhörens“ und warum ist gerade das so wertvoll für die Anrufenden?
Für Personen, die sich bei uns im Telefondienst engagieren möchten, geben wir Schulungen im aktiven Zuhören. Wir üben so viel, dass sich jede*r sicher fühlen kann und dort abgeholt wird, wo die Person steht, egal welches Vorwissen. So besteht unser Team aus vielen verschiedenen Studiengängen.
Aktives Zuhören bedeutet dem Gegenüber Raum zu geben und dabei die volle Aufmerksamkeit zu schenken, ohne währenddessen abzuschweifen und gedanklich schon den eigenen Redebeitrag vorzubereiten. Die Anrufenden entscheiden, worüber sie sprechen möchten und wie viel sie dabei teilen möchten. Da wir nur einen kleinen Ausschnitt der Lebenssituation erfahren, geben wir keine Ratschläge. Die Anrufenden selbst sind Expert*innen für ihr Leben. Wir hören einfach zu.
Häufig ist genau diese bedingungslose Präsenz genug. Wir begleiten Gedanken und Gefühle und geben Raum, ohne die Situationen zu bewerten. Die Anrufenden müssen nicht allein sein und dürfen alles, was auf dem Herzen liegt, loswerden.
3. Schutz und Niedrigschwelligkeit durch Anonymität
Die Hürde der Anonymität: Die Arbeit der Nightline findet im Geheimen statt – Wie gehen die Volunteers mit dieser besonderen Form der Anonymität um, und was macht den Reiz aus, „im Stillen“ zu helfen?
Die Anonymität macht uns niedrigschwelliger. Niemand muss sich zu erkennen geben, niemand muss sich vor Diskriminierung fürchten, alle Anrufenden dürfen sein. Auf unserer Seite hingegen schützt die Anonymität die Ehrenamtlichen. Dabei macht die Anonymität die Arbeit in keiner Weise weniger wertvoll. Wir sind trotzdem für die Menschen da, die uns in dem Moment brauchen.
Innerhalb des Teams besteht keine Anonymität. Wir Ehrenamtlichen kennen uns untereinander und verbringen gemeinsame Zeit in Schulungen, Supervisionen, Teammeetings und internen Social Events. So ist niemand allein und jede*r findet Unterstützung.


4. Gut geschult in die Nacht: Wie sich das Team vorbereitet
Emotionale Vorbereitung: Ein nächtliches Telefonat kann von Prüfungsangst bis hin zu tiefer Einsamkeit alles beinhalten. Wie werden neue Mitglieder bei euch darauf vorbereitet, auch bei schwierigen Themen die Ruhe zu bewahren und sich selbst gut abzugrenzen?
In unserer Schulung üben neue Mitglieder auch für schwere Situationen und sind so gut auf die Telefondienste vorbereitet. Telefondienste werden außerdem immer zu zweit durchgeführt. So haben wir Ehrenamtlichen immer Unterstützung bei schwierigen Situationen. Die Vertraulichkeit wird dabei natürlich gewahrt.
Neben dem Üben ist Selbstfürsorge ein wichtiger Bestandteil innerhalb der Nightline. Auch hierzu gibt es während der Schulung oder bei Teammeetings Raum zum Austausch. Jedes Semester beziehen wir außerdem Supervision durch externe Psycholog*innen, um über schwierige Situationen zu sprechen und gemeinsam gute Lösungen zu entwickeln.
5. Mehr als nur Telefonieren: Was Volunteers mitnehmen
Wir haben über die Hilfe für die Anrufer*innen gesprochen – aber was nehmen die Volunteers persönlich für ihr eigenes Leben mit? Welche Kompetenzen entwickelt man durch die Arbeit bei der Nightline, die einem auch später im Beruf oder im Privaten helfen?
Die Arbeit in der Nightline ist vielfältig. Nach Außen ersichtlich ist die Arbeit am Telefon. Hier lernt man Gesprächsführung, aktives Zuhören, Empathie, Geduld und so viel mehr. Jedes Telefonat gibt Einblick in eine andere Lebensgeschichte und ist auf einzigartige Weise bereichernd.
Neben der Arbeit am Telefon gibt es zahlreiche AGs, in welchen sich engagiert wird. In der AG Marketing geht es um kreative Content Creation und Konzeptualisierung, in der AG Connecting werden teaminterne Social Events organisiert. Die AG Training kümmert sich um Schulungsinhalte, -durchführung und Supervision. Außerdem haben wir Beauftragte für unsere Finanzen und die Technik. So kann jede*r seine Talente nutzen oder Neues lernen. Wenn Personen Lust haben, mehr Verantwortung und Zeit zu investieren, bieten Leitungspositionen außerdem die Möglichkeit sich in Teamkoordination auszuprobieren.
6. Ein wenig Entlastung: Die unsichtbare Wirkung der Nightline
Unsichtbare Wirkung: Da die Gespräche anonym und vertraulich sind, gibt es kein öffentliches Feedback. Woran merkt ihr dennoch – vielleicht innerhalb eines Telefonats oder durch die Resonanz in der Uni –, dass die Nightline einen messbaren Unterschied für die psychische Gesundheit der Studierenden in Bamberg macht?
Sicher messen können wir das nicht. Wir berufen uns auf die Nachfrage und merken so, dass wir gebraucht werden und unser Angebot genutzt wird. Manche Anrufende erzählen auch, dass sie häufiger anrufen oder bedanken sich im Nachhinein. Häufig merkt man aber auch ohne ausdrücklichen Hinweis im Gesprächsverlauf, dass die anrufende Person ein bisschen entlasteter scheint und wir die Nacht etwas leichter machen konnten. Die Arbeit lohnt sich für jede einzelne Person, die wir so unterstützen können.
7. Ein offenes Ohr für jede Lebenslage
Oft wird die Nightline mit akuten Krisen assoziiert. Aber geht es bei eurer Arbeit immer um die „großen“ Probleme? Was macht die Nightline für jemanden aus, der „nur“ jemanden zum Reden sucht, weil die Decke in der WG gerade auf den Kopf fällt?
Bei uns sind alle Themen erlaubt. Wir haben für jedes kleine und große Anliegen ein offenes Ohr und die Anrufenden selbst entscheiden wie viel oder wenig sie erzählen möchten. Zwischenzeitlich darf auch geschwiegen werden. Auch Einsamkeit oder Unwohlsein ist ein valider Grund, bei uns anzurufen. Wenn ein Anruf nicht im Bereich unseres Angebots liegen sollte, klären wir freundlich über unser Angebot auf und leiten bei Bedarf an geeignete Stellen weiter. Im Zweifel darf also immer angerufen werden. Probleme können nicht an ihrem Schweregrad aufgewogen werden, weswegen jeder Person zugehört wird.
8. Ein bleibendes Bedürfnis: Warum Zuhören immer wichtig sein wird
Hand aufs Herz: Jedes Hilfsangebot träumt eigentlich davon, irgendwann nicht mehr gebraucht zu werden. Was müsste sich an unseren Hochschulen oder in unserer Gesellschaft grundlegend ändern, damit ein Dienst wie die Nightline eines Tages tatsächlich überflüssig wäre?
Sicherlich könnte man vieles optimieren, um Stress zu minimieren und Soziales zu erleichtern. Psychosoziale Versorgungsangebote sind gefragt und professionelle Anlaufstellen häufig überlastet. Mit der Nightline können wir so unseren Beitrag leisten und in schweren Momenten füreinander da sein. Bei der Nightline geht es aber gar nicht um konkrete Lösungsversuche. Schlechte Tage dürfte es auch geben, wenn die Bedingungen außenrum perfekt wären. Das Bedürfnis, dass einem zugehört wird, man gesehen wird und nicht allein mit Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen ist, darf es immer geben. Und genau dafür sind wir da.
Studierst du ebenfalls und hast mit Sorgen zu kämpfen? Wende dich an die Nightline Bamberg: Jeden Montag, Mittwoch und Donnerstag sind sie für dich von 21 bis 24 Uhr unter der Nummer 0157 35233503 erreichbar.


