Ob in der kulturellen Bildung, der sozialen Integration oder der Stärkung des Selbstbewusstseins: Innovative Kinder- und Jugendarbeit ist ein wesentlicher Baustein für ein erfolgreiches Aufwachsen. In Bamberg zeigt der Zirkus Giovanni, wie diese Arbeit auf ganz neue Art und Weise gedacht werden kann. Hier werden Manege und Pädagogik miteinander zu einem einzigartigen Konzept verbunden, das weit über das Erlernen von Kunststücken hinausgeht.
Dabei ist der Zirkus Giovanni mehr als nur eine reine Freizeitstätte: Er ist ein geschützter Raum, in dem junge Menschen über sich hinauswachsen und echte Selbstwirksamkeit erfahren können. Warum die Zirkus-Pädagogik heute ein so wichtiger Teil der Kinder- und Jugendarbeit ist und was die Arbeit des Zirkus Giovanni in Bamberg so besonders macht, haben wir im Interview mit Dominik vom Zirkus Giovanni erfahren.
1. Zirkus als geschützter Raum: Manege
Der Zirkus Giovanni verbindet Zirkuskunst mit sozialer Arbeit. Was macht diesen Ansatz so wirkungsvoll für Kinder und Jugendliche und welche Rolle spielt der Zirkus dabei als „geschützter Raum“ für junge Menschen, die vielleicht schwierige Lebensumstände haben?
Wow, über diese Frage ließe sich sehr ausführlich referieren. Verschiedene Zirkusdisziplinen bieten diverse Lernfelder. Wer sich darin übt kann den eigenen Körper wahrnehmen, trainiert Absprachen zu treffen, anderen zu vertrauen und erfährt auch, anderen helfen zu können. Besonders im Zirkus ist das Bühnenerlebnis. Die Teilnehmenden bekommen positives Feedback, Applaus für eigens kreierte Darbietungen. Zirkus ist eine sehr ehrliche Kunst, es gibt kein „so tun als ob ich Jonglieren kann“. Entsprechend können Erfolge positiv auf das eigene Selbstbild wirken. Besonders junge Menschen mit Hintergründen, die sie eher Misserfolge erleben lassen, können davon profitieren zu spüren „ich kann etwas“. Der Zirkus versucht, ein geschützter Raum zu sein, in dem alle „sie selbst“ sein dürfen. Regelmäßig beschreiben junge Menschen, dass sie im Zelt nicht schräg angesehen werden etwa für ihre Kleidung oder Kostüme – anders als „draussen“.
2. Staunen garantiert: Warum Bamberger Zirkusarbeit oft überrascht
Viele denken bei sozialem Engagement nicht sofort an den Zirkus. Was überrascht Menschen und neue Helfer:innen am meisten, wenn sie euch begegnen oder mitmachen?
Wenn Erwachsene selbst Zirkusmaterial ausprobieren sind sie häufig überrascht, dass das ja wirklich schwierig ist, was die Kinder und Jugendlichen hier üben. Lehrkräfte, die mit ihrer Klasse z.B. ein einwöchiges Projekt im Zelt erleben, sind ganz erstaunt, was in so kurzer Zeit entsteht – und welche Kinder sich mitunter von ganz anderen Seiten zeigen. Wer als Trainer:in noch nicht lange dabei ist staunt manchmal, wie konzentriert und selbständig Kinder dann am Show-Tag agieren, verglichen mit manchen wuseligen Trainingsstunden.


3. Begegnung auf Augenhöhe: Soziale Vielfalt im Zirkuszelt
Der Zirkus Giovanni arbeitet mit Kindern und Jugendlichen aus ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten. Gibt es einen Moment oder eine Begegnung, die für euch besonders sinnbildlich dafür steht, warum eure Arbeit so wichtig ist?
Ich erinnere mich explizit an mehr als einen Jugendlichen aus unseren stationären Wohngruppen, der plötzlich über die Artistik in Kontakt zu Gleichaltrigen gekommen ist, denen er sonst z.B. im Kontext Schule, nicht begegnet wäre. Und der dort Anerkennung und Zugehörigkeit erfahren hat.
4. Freiwilligkeit als Motor: Wie Kinder über sich hinauswachsen
Viele eurer Teilnehmenden kommen möglicherweise mit wenig Selbstvertrauen oder mit Unsicherheiten zu euch. Was passiert in euren Projekten konkret, das dazu führt, dass Kinder und Jugendliche über sich hinauswachsen?
Wir haben den Luxus, viel mit Freiwilligkeit Arbeiten zu dürfen. Wer erstmal eher zurückgezogen mit Jonglage-Material und Gesicht zur Zeltwand üben möchte, kann das beispielsweise tun. Und dann darf die Person im eigenen Tempo entscheiden, vielleicht doch eine Disziplin in einer Gruppe oder mit Körperkontakt auszuprobieren. Viele Requisiten wie ein Trapez haben einen hohen Aufforderungscharakter. Teilnehmende sehen Bewegungen, welche sie lernen „möchten“, nicht „sollen“.
5. Die langfristige Wirkung der Jugendarbeit: Selbstbewusstsein und Gelassenheit
Was sind typische Veränderungen, die ihr bei Kindern und Jugendlichen beobachtet, die regelmäßig an euren Projekten teilnehmen?
Wer eine Weile dabei ist und sich schon besser auskennt, erlebt sich gegenüber neuen Teilnehmenden als „wissend“, kann Tipps weitergeben, Sachen erklären, erlebt sich wirksamer und selbstbewusster. Die Souveränität in Stresssituationen wächst. Wer auf der Bühne, vor Publikum, unter Zeitdruck, einen Fehler ausgleichen oder sein Verhalten anpassen konnte – geht auch mit Überraschungen im Alltag mitunter gelassener um. Und natürlich lassen sich die offensichtlichen Fortschritte beobachten … Techniken werden erlernt, Kraft wächst, Koordination wird gesteigert und so weiter.


6. Für jeden gibt es einen Platz: Warum
Inwiefern unterscheidet sich eure Arbeit von klassischer Jugendarbeit oder Freizeitangeboten? Was kann der „Zirkusraum“, was andere Angebote vielleicht nicht leisten können?
Wir sind relativ gut darin, für individuelle Kinder und Jugendliche Ideen zu finden, wie sie teilnehmen können. Ob solo mit einem Diabolo, energetisch beim Seilspringen, gehalten von der Gruppe in der Akrobatik, mitunter ruhig und langsam als Clown/Schauspieler:in. Manchmal rufen Eltern an und wundern sich, warum wir uns noch nicht mit Beschwerden gemeldet haben. Das Kind hätte in den letzten beiden Sportvereinen viel früher schon „nicht mehr gepasst“.
7. „Niemand ist schlecht“: Ein neuer Leistungsbegriff
Ihr schafft einen Raum, in dem Leistung anders bewertet wird als in der Schule oder Alltag. Wie wichtig ist dieser Perspektivwechsel für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen?
Natürlich möchten wir artistisch alle Teilnehmenden fördern und dabei begleiten, sich zu entwickeln. Alle sollen weiter „bedient“ werden, auch wenn sie irgendwann bereits ziemlich viel können. Dennoch versuchen wir eine Stimmung zu erzeugen, in der das gemeinsame Ziel eine sichere und schöne Gala ist. Wir möchten etwas interessantes erschaffen in dem Alle ihren Platz finden können, egal wie weit sie artistisch bereits fortgeschritten sind. „Im Zirkus ist niemand schlecht“ gehört zu den schönsten Feedbacks, die Mal Kinder auf unserer Pinnwand hinterlassen haben.
8. Wunsch an die Zukunft: Nachhaltige Förderung für die Zirkuspädagogik
Wenn ihr einen Wunsch frei hättet: Was müsste sich gesellschaftlich oder politisch verändern, damit eure Arbeit – und die Situation der Kinder, mit denen ihr arbeitet – nachhaltig verbessert wird?
Unsere Arbeit wäre selbstverständlich entspannter, wenn wir verlässlich, dauerhaft, langfristig finanziert wären und uns weniger damit beschäftigen müssten, die nächsten Fördermittel zu generieren. Gesellschaftlich würde ich mir eine grössere Fokussierung und Wertschätzung dafür wünschen, was „allen“ hilft. Ich halte es für keine sinnvolle Werte-Orientierung, stets die Person(en) mit dem meisten z.B. materiellen Besitz zu bejubeln. Etwas mehr Durchatmen, Zuhören, Nachfragen, dem Gegenüber nicht so schnell schlechte Absichten unterstellen – etwas Gelassenheit täte gut. Und hier kommen wir zum Anfang zurück. Ich nehme an, wer positive Erlebnisse in der eigenen Biografie hat, sich als wirksam, wertvoll, zugehörig erlebt – kann so eine hilfreiche Gelassenheit leichter aufbringen.


